Donnerstag, 3. März 2011

Gedenkstättenbesuch am 03.03.2011, Anna Seghers Gedenkstätte / Tip des Berliner Stadtmagazin

03.03.2011 10:00Uhr
Anna-Seghers-Gedenkstätte
Anna-Seghers-Gedenkstätte
Anna-Seghers-Straße 81
12489 Berlin
Telefon: 030 - 677 47 25
Anna Seghers Gedenkstätte
Anna Seghers Gedenkstätte
Aus dem Prospekt der Anna-Seghers-Gedenkstätte

Für Anna Seghers (eigentlich: Netty Radványi, geb. Reiling) ging das Exil am 22. April 1947

zu Ende. Nach vierzehn Jahren traf sie wieder in Berlin ein, wo sie 1933 nur durch einen

Zufall der Polizei entkommen war. Ihr Fluchtweg hatte sie zunächst über die Schweiz nach

Frankreich geführt; mit ihrem Mann László Radványi und den Kindern Ruth und Peter lebte

sie bis 1940 in Paris. Nach der deutschen Besetzung Frankreichs gelang es der Familie, 1941

nach Mexiko zu fliehen. Auf die Frage anläßlich ihrer Heimkehr nach Deutschland, warum

sie »das sonnige Mexiko gegen die grauen Ruinen Berlins« eingetauscht habe, erklärte Anna

Seghers: »... ich bin eine deutsche Schriftstellerin, und in meiner Muttersprache kann ich am

besten helfen, etwas Besseres aus dem Schutt zu machen.«

Bei ihrer Rückkehr war Anna Seghers, Trägerin des Kleist-Preises von 1928 und Autorin des

inzwischen ins Englische, Spanische und Französische übersetzten Romans Das siebte Kreuz,

in Deutschland weitgehend unbekannt. Ihre Romane und Erzählungen, in Frankreich, auf der

Fahrt über den Atlantik und in Mexiko geschrieben (Der Kopflohn, Amsterdam 1933; Der

Weg durch den Februar, Paris 1935; Die Rettung, Amsterdam 1937; Das siebte Kreuz,

Mexiko-City und Boston 1942; Der Ausflug der toten Mädchen, New York 1946; Transit,

Boston 1944; das fast vollendete Manuskript des Romans Die Toten bleiben jung, Berlin

1949), erschienen nun endlich auch in deutschen Verlagen: seit Ende der vierziger Jahre im

Aufbau-Verlag Berlin und erst eineinhalb Jahrzehnte später bei Luchterhand.

Anna Seghers' erste Unterkunft in Berlin war ein Zimmer im unzerstört gebliebenen

Seitenflügel des Hotels Adlon am Pariser Platz. »Wir sahen klarer als vorher die Sprünge in

den Wänden, die mit Papier verklebten Scheiben ... Die Ruinenstadt verschmolz mit dem

Abendhimmel, als ob sie noch immer schwelte und rauchte.« Nach mehrmaligem

Wohnungswechsel zog sie mit ihrem Mann in das obere Stockwerk des neuerbauten

dreigeschossigen Mietshauses Volkswohlstraße 81 in Adlershof, heute Anna-Seghers-Straße.

Möbel und Gebrauchsgegenstände wurden einzig unter dem Gesichtspunkt überschaubarer

Zweckmäßigkeit ausgewählt. Wichtig war lediglich, an soliden Holztischen arbeiten zu

können, die umfangreiche Bibliothek bequem zur Hand zu haben und Freunde empfangen und

beherbergen zu können.

Neben ihrem vielfältigen kulturpolitischen Engagement - so war sie 1950 Gründungsmitglied

der Deutschen Akademie der Künste (DDR) und von 1952 bis 1978 Präsidentin des

Schriftstellerverbandes der DDR - schrieb Anna Seghers hier die Romane Die Entscheidung

(1959) und Das Vertrauen (1968), in denen sie das gesellschaftliche Selbstverständnis der

DDR und die Verantwortung des einzelnen literarisch zu gestalten suchte. Auf die Frage,

besonders westlicher Leser, nach einem vermeintlichen künstlerischen Bruch gerade in diesen

beiden Büchern antwortete sie 1975: »Die Wirklichkeit, die ich darstelle, hat sich verändert.

Nicht wie ich darstelle, sondern was ich darstelle, mißfällt den Kritikern.« Die

Erzählungsbände Karibische Geschichten (1962), Die Kraft der Schwachen (1965),

Sonderbare Begegnungen (1973), Drei Frauen aus Haiti (1980) sowie Aufsätze und Essays

jener Zeit beweisen die ungebrochene Kraft der Schriftstellerin, menschliche Schicksale in

einem gesellschaftlichen Geflecht zu erfassen. Waren die Romane und Erzählungen ihrer

Exilzeit vom Heimweh nach Deutschland bestimmt, so sind ihre Erzählungen der sechziger

und siebziger Jahre von der Sehnsucht nach Ferne und Weite, Freiheit und Glück geprägt.

Fremde Handlungsplätze - vor allem Lateinamerika - und ganz und gar phantastische Stoffe

und Ideen gestatteten ihr die Überhöhung menschlicher Konflikte ins Allgemeine, über die

eigene Zeit Hinausweisende.

Nach dem Tod von Anna Seghers am 1. Juni 1983 - sie ist auf dem Dorotheenstädtischen

Friedhof in Berlin-Mitte neben ihrem Mann beigesetzt - gestaltete die Akademie der Künste

der DDR die Adlershofer Wohnung zu einer Gedenkstätte um. Den literarischen Nachlaß

hatte Anna Seghers der Akademie testamentarisch vermacht; heute betreut ihn die Stiftung

Archiv der Akademie der Künste in ihrem Archivgebäude Robert-Koch-Platz 10 in Berlin-

Mitte. Die Tantiemen ihres Werkes kommen, Anna Seghers' Wunsch entsprechend, jungen

deutschen und lateinamerikanischen Schriftstellern zugute: Am 19. November, dem

Geburtstag der Künstlerin, wird alljährlich der Anna-Seghers-Preis verliehen.

In der Gedenkstätte in Adlershof verblieben das Wohn- und Arbeitszimmer mit der

wertvollen Bibliothek im Originalzustand. Im Zimmer von László Radványi ist neben den

Erstausgaben und einer umfangreichen Sammlung deutscher und fremdsprachiger

Belegexemplare eine kleine ständige Ausstellung zu sehen.

In Adlershof, dem Berliner Stadtteil, in dem die Autorin fast dreißig Jahre lebte, wird die

Adlershofer Zeitung herausgegeben, die nicht nur zu Geburtstagen der Autorin gedenkt.

(Information über Adlershofer Zeitung, PF 1103, 12474 Berlin)
Bandlink/Informationen: http://www.anna-seghers.de
Berliner Stadtmagazin